Die Pille – Mehr als ein Verhütungsmittel

Am 18. August 1960 kam in den USA die erste „Antibabypille“ auf den Markt, bevor sie nur ein Jahr später auch in Deutschland erschienen ist. Sie gilt nach wie vor als eine der großen gesellschaftlichen Errungenschaften der Nachkriegszeit und förderte die Selbstbestimmung der Frau. Während das deutsche Wochenmagazin „Stern“ die Einführung als „historischen Tag“ feierte, protestierte die Kirche dagegen und der Papst verurteilte die Pille.

So wurde die Pille zunächst als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden nur an verheiratete Frauen mit mehreren Kindern ausgegeben – die empfängnisverhütende Wirkung wurde lediglich als Nebenwirkung in der Packungsbeilage erwähnt. Mehr als 55 Jahre später ist die Pille als Verhütungsmittel aus dem Leben vieler Frauen nicht mehr wegzudenken und gibt ihnen selbst die Entscheidungsfreiheit, ob und wann sie Kinder haben möchten.

Die Pille war ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstbestimmung der Frau, da sie den Zeitpunkt der Schwangerschaft selbst wählen kann
Die Pille war ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstbestimmung der Frau, da sie den Zeitpunkt der Schwangerschaft selbst wählen kann

„Sexuelle Revolution“ und „Pillen-Knick“

Ausgelöst durch die 68er-Bewegung und allgemeine gesellschaftliche Umbrüche, fand ende der 1960er Jahre eine „sexuelle Revolution“ statt. Die Pille sorgte zusätzlich dafür, dass Sex nicht nur offener diskutiert, sondern auch praktiziert wurde. Im Mittelpunkt stand das Recht der Frau auf über ihren eigenen Körper frei verfügen zu können.

Die in feministischen Kreisen oft verwendete Phrase „my body, my choice“ sollte für alle Frauen gelten. Zudem sollten Sexualität und Fortpflanzung von einander entkoppelt werden – eine selbstbestimmte Familienplanung fortan bedingungslos möglich sein.

Die Markteinführung hatte aber auch zur Folge, dass sich die Möglichkeiten einer selbstbestimmten Lebensführung der Frau auch in anderen Gebieten des alltäglichen Lebens ausweiteten. Frauen war es möglich erst später Mutter zu werden – es blieb mehr Zeit für Schule, Ausbildung und Studium. Noch in den 1960ern stieg die Zahl der Abiturientinnen und Akademikerinnen rapide an.

Nach wie vor hält sich hartnäckig die Ansicht, dass im Anschluss an den „Babyboom“, die Einführung der Pille für einen Einbruch der Geburtenrate – auch „Pillen-Knick“ genannt – verantwortlich war. Zwar lässt sich die Pille als begünstigenden Faktor für diese Entwicklung werten, aber sie und die „sexuelle Revolution“ allein waren für den Geburtenrückgang nicht verantwortlich. Tatsächlich stieg nach der Einführung der Pille die Zahl der Geburten zunächst an.

Die Pille ermöglichte es Paaren jedoch die gewollte Zahl der Kinder zu realisieren und ungewünschte Schwangerschaften zu verhindern. Allgemein änderten sich im Zuge der Industrialisierung die Lebensweise und Vorstellung darüber, was ein erfülltes Leben ausmache. Wachsender Wohlstand schaffte neue Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung – Individualität und Autonomie statt Kinderwunsch wurden zu zentralen Werten. Zusätzlich hegten viele Frauen den Wunsch nach der eigenen Erwerbstätigkeit und in langsamen Prozessen wurde ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt zusehends erleichtert.

Auf dem deutschen Markt sind mehr als 50 Verhütungspräparate erhältlich
Auf dem deutschen Markt sind mehr als 50 Verhütungspräparate erhältlich

Mehr als jede zweite Frau nimmt die Pille

Laut einer repräsentativen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nimmt mehr mehr als jede zweite Frau zwischen 18 und 49 Jahren die Pille –  Frauen unter 20 Jahren erhalten sie kostenlos. In Deutschland sind derzeit mehr als 50 Präparate auf dem Markt erhältlich und neben dem Erwerb in Apotheken ist es mittlerweile sogar möglich sich online Rezepte für die Pille ausstellen zu lassen. Sie gilt als vergleichsweise sicheres Verhütungsmittel. Aber: sie schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten, wie es das Kondom tut. Auch hier ist jedoch kein hundertprozentiger Schutz gewährleistet.

Da Frauen durch die Verwendung der Pille die Hauptverantwortung der Verhütung tragen, wird schon seit mehr als 30 Jahren nach Alternativen für Männern geforscht. Die Ergebnisse sind bisweilen jedoch sehr ernüchternd. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit 400 Probanden führte zu einem vorzeitigen Abbruch, da die Hormonspritzen unerwünschte Nebenwirkungen hervor riefen. Bislang ist die „Pille für den Mann“ auf dem Markt noch nicht erhältlich und es bedarf weiterer Studien, um dies in der Zukunft in die Tat umzusetzen. 

Vor- und Nachteile der Pille

Kürzlich machte eine österreichische Bloggerin Schlagzeilen, die aufgrund der Kombination von Rauchen und Einnahme der Pille einen Schlaganfall erlitten habe. Zwar ist es erwiesen, dass die Pille das Schlaganfallrisiko erhöhen kann, viel schwere liegen jedoch Faktoren wie Bluthochdruck und eben das Rauchen, gegenüber denen die Pille einen äußerst geringen negativen Effekt besitzt. Jedoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Pille trotz ihrer Vorteile auch Nachteile bietet.

Viele Frauen empfinden die Verhütung mit der Pille als unkompliziert und bequem, da sie mit einer gewissen Routine einher geht. Zudem gehört sie zu den sichersten Verhütungsmethoden. Zusätzlich nehmen Menstruationsstärke und -dauer oftmals ab und die Pille kann sich positiv auf Akne auswirken.

Mehrere Forschungen haben indes belegt, dass Kombinationspillen das Risiko für Eierstockkrebs und Gebärmutterkrebs senken können – selbst lange Zeit nach dem Absetzen. Auch noch Jahre nach der Einnahme soll sie zudem teilweise vor Dickdarmkrebs schützen. Weitere Langzeitbeobachtungen haben gezeigt, dass sie auch das Risiko für weitere Krebsarten –  wie Blutkrebs und Krebs des Lymphsystems – günstig beeinflussen kann.

Die Pille ist jedoch ein Hormonpräparat und die Einnahme dieser geht immer mit einem Eingriff in den natürlich Hormonhaushalt einher. Daher kann es selbst nach Absetzen der Pille bis zu einem halben Jahr dauern, bis sich der Zyklus erneut normalisiert hat. Zudem kann es je nach Zusammensetzung zu verschiedenen Nebenwirkungen während der Einnahme kommen. Übelkeit, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Zwischenblutungen, Kopfschmerzen und Libidoverlust gehören zu den Häufigsten.

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